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AUS DEM TAGEBUCH EINES
BOXERS
Viktor Konezkij
Sonntagmorgen:
Klawdija Agafonowna:
"Apollon, Kaetzchen, komm, gehen wir spazieren" !
Ich bringe Leine und Maulkorb. Es ist demuetigend aber gewohnt. Oder eher
angewoehnt. Draussen riecht es nach rauhem Brennholz, Eiszapfen, Kellerfaeule
und tausend anderen Dingen. Ich zucke vor Freude auf ein Wiedersehen mit
Hilda, der Schaeferhuendin aus der Wohnung 5. Auf einem Holzstoss liegen
und sonnen sich Katze Murka und Kater Barsik.
Ich wollte keinen Streit. Aber Murka:
"Du, Hundesohn, der Maulkorb drueckt, was" ? Ich tat so, als
ob ich das nicht gehoert haette.
"Was kann ihn sonst noch druecken" ? fragte Barsik Murka. Ich
schwieg.
Es roch so schoen nach Fruehling ! Der Schnee war geschmolzen. Klawdija
Agafonowna liess mich von der Leine los. Ich schrieb etwas auf einen Granitrandstein.
"Interessant", - sagte Maschka, - "wozu hebt er immer sein
Bein" ?
"Was kann er sonst noch heben" ? – fragte Barsik. Ich
wollte bellen, doch der Maulkorb stoerte. Ich tat so, als ob mir das egal
waere.
"Der krummpfotige Menschenfreund ist wohl taub geworden von der Suelze
fuer achtundzwanzig Kopeken oder vom Haferbrei", - sagte Murka. -
"Warum geifert er nur immer so" ?
"Was kann er sonst noch machen" ?- fragte Barsik.
Die beiden sind keiner ernsten Feindschaft wert. Kater, Katzen sind keine
denkenden Biester, sie analysieren nicht die Lebenserfahrung. Wir, die
Boxer, verbringen dagegen unser ganzes Leben indem wir den Sachen auf
den Grund gehen.
Klawdija Agafonowna entdeckt in mir, zum Beispiel, Spuren von Dostojewski.
Und liest mir deswegen bei Schlaflosigkeit „Schuld und Sühne“
vor. Sie schaltet die rosa Stehlampe ein, steckt ihre Zaehne in einen
Kristallbecher und lispelt:
"Appolonchen, Kleiner, komm zu mir" !
Ich klettere den Sessel runter, gehe zu ihr und bemuehe mich, nicht mit
den Krallen gegen das Parkett zu klappern.
Klawdija Agafonowna:
"Du, mein Kluger, mein Kaetzchen" !
Komisch. Ich ein Kaetzchen ?
Ich lege die Schnauze auf die Decke, bemuehe mich, nicht zu sehr zu geifern.
Ich blinzele in die Gluehbirne der Stehlampe.
Klawdija Agafonowna beginnt vorzulesen.
Da zuckts mir im Bauch. Floehe habe ich keine. Das ist wahrscheinlich
nur ein Atavismus, es juckt aber schrecklich. Ich leide aus Ruecksicht.
So gerne wuerde ich mich mal im Bauch mit den Zaehnen klappern –
ich wuerde alles dafuer geben.
Klawdija Agafonowna murmelt:
„...Fehler und Bedenken des Geistes verschwinden schneller und
hinterlassen weniger Spuren als die Fehler des Herzens. Ein Fehler des
Herzens ist eine schrecklich wichtige Sache: das ist ein verseuchter Geist
manchmal auch in der ganzen Nation, der mit sich so ein Mass an Blindheit
brigen kann...“
Ploetzlich biegt mich eine ausserirdische Macht in der Mitte zusammen.
Und ich klappere im Bauch – klack, klack – machen die Zaehne.
Ich nehme mich wieder zusammen und lege die Schnauze wieder auf die Decke
und hoere zu.
Es ist spaete Nacht. Das Licht der Strassenlaternen fällt durch das
Fensterglas.
Von den Tueren zieht es kalt ueber den Fussboden.
Klawdija Agafonowna liest und liest. An manchen Stellen haelt sie inne
und klopft mir leicht auf die Stirn.
Ich gebe vor, dass nachts an ihrem Bett zu stehen und den Bauch nur in
Pausen zwischen den Kapiteln zu kratzen, mir groesstes Vergnuegen bereitet.
Noch wedele ich mit dem Schwanz. Oder eher mit dem Strunk. Den Schwanz
hat man mir noch in der fruehen Kindheit abgeschnitten, wie die Verladearbeiter
aus dem Gemueseladen sagen, bis zu dem Bindeband.
Ja, wovon habe ich eigentlich gesprochen ?
Von dem Mist, der am Sonntagmorgen passierte.
Also, ich schrieb etwas fuer Hilda auf den Granitrandstein am Tor und
lief zum Abflussrohr. Dort hinterliess Ralf eine Information fuer mich
– die Bulldoge eines Admirals im Ruhestand. Neben dem Rohr roch
es, Gott weiss warum, sehr lecker nach Borschtsch. Ich erfuhr, dass Ralf
neulich sein Ohr in der Fahrstuhltuer eingeklemmt hatte. Ich war traurig
wegen Ralf, als ich zum Laternenmast lief.
"Na, weshalb hast du wieder die Nase haengen lassen, unprofessioneller
Schwergewichtler"? - fragte Murka mit einem dummen Spott. Barsik
und Murka-Maschka sagen immer gemeine Dinge. Und mir ist es nur einmal
gelungen, Barsik vom Gelaender in den Kanal hinunterzustossen. Ich war
natuerlich im Maulkorb. Ich schlich von hinten heran und stiess ihn mit
der Stirn in den Hintern. Er hat kaum miaut. Er flog ins Wasser wie ein
Eichhoernchen, so hat er sich auseinandergespreizt. Etwa fuenf Minuten
badete er, bis er unter der Bruecke weiter stromabwaerts hinausschwamm.
Damals funktionierte in mir die sogenannte wertmaessig-expressive Funktion,
die in etwa ein aktives Aquivalent der Schutzfunktion darstellt. Und ich,
ein leichtfertiger Hofhund, bestaetigte meine Persoenlichkeit indem ich
mein System von sozialen Einstellungen den Katzen aufzwang.
Ich verwende solche Ausdruecke, weil Klawdija Agafonowna Psychiaterin
fuer schwer erziehbare Kinder war und sich fuer moderne Psychologie interessierte,
bis sie in Rente ging.
Ich weiss, zum Beispiel, dass ein Mensch, der eine feindliche Einstellung
zu Katzen hat, den Stuhl, auf dem es sich eine Katze gemuetlich gemacht
hat, unbedingt umkippt. Mit anderen Worten, sobald dieser Mensch den Anreiz
– Katze – bekommt, muss in ihm unbedingt eine aggressive Reaktion
aufflammen. Auch in mir flammte sie damals auf.
Es ist dumm. Und peinlich. Katzen muss man mit Verachtung strafen.
Ich erinnere mich, dass einmal ein beruehmter Professor zu Klawdija Agafonowna
kam. Er sah mich an und sagte zu ihr:
"Erlauben Sie, mich an Apollon mit einer Frage zu wenden" ?
"Bitte".
Er spricht zu mir:
„Apollon, Sie sind ein sehr kluger Hund. Das sieht man Ihren Augen
an. Sagen Sie bitte, wie bringen Sie Ihre Meinung gegenueber einem anderen
Individuum zum Ausdruck" ?
Daraufhin wedelte ich freundlich mit dem Strunk. Eigentlich kann euch
jeder Kellner sagen, dass es kaum moeglich ist, allen gefaellig zu sein,
aber wir, die Boxer, geben uns Muehe.
"Sowohl Menschen, als auch Hunde", - erklaerte mir und Klawdija
Agafonowna der Professor, - "bringen ihre Meinung gleich zum Ausdruck,
durch das Bellen. Und die Einstellung beinhaltet eine tiefere Ursache
als Bellen und verfuegt ueber die Moeglichkeit verschiedenartigen Ausdrucks:
Gesten der Schnauze, Mimik des Schwanzes"
Daraufhin begann Klawdija Agafonowna sofort mit mir zu prahlen.
Sie prahlt mit mir vor allen und nennt mich "Wuergegreifer“.
Und erzaehlt, wie ich noch in meinen jungen Jahren einen ausgewachsenen
grauen Wolf in Repino abmurkste. Und wie das Blut des Wolfes ueber ihr
Kaetzchen, das heisst ueber mich, in Stroemen floss. Wie ich den Wolf
an Fellfalten auf der Kehle packte und dann das Fell und die Haut des
Wolfes langsam und unentwegt vom Kiefer riss, bis ich an den Adamsapfel
gelang. Dabei ist es selbst Murka klar, dass es in Repino keine Woelfe
gibt. Es war einfach der Mischling eines Schaeferhundes und eines Wolfes.
Es war natuerlich eine hervorragende Pruegelei, aber wozu auf die alten
Tage luegen ? Dieser Mischling verpruegelte mich von der Nase bis zum
Strunk. Und das Blut stroemte aus mir wie vom Damm des Wasserkraftwerkes
„Bratskaja“. Ich verfehlte den ersten Biss. Packte den Mischling
ganz stuemperhaft – irgendwo am Bauch. Deswegen verpruegelte er
mich ja so.
Uebrigens zeigte sich Klawdija Agafonowna in dieser gespannten Situation
nicht von der besten Seite. Sie schrie nur „ach“ und „weh“
und drueckte das Einkaufsnetz mit Tomaten an die Brust. Dabei haette sie
nach einem Stock greifen und damit auf uns hauen muessen.
Ich kann tatsaechlich nicht immer meine Kiefer oeffnen. Mein unterer Kiefer
tritt hervor und ich kann ruhig atmen, ohne meine Zaehne aufzutun, wenn
ich mich an einem abgehetzten Tier festbeisse; doch nicht ich selbst,
sondern meine Natur herrscht ueber mich in diesem Moment. Und –
bei Weitem nicht immer – die nuetzliche Natur. Ich meine die Rachenmuskulatur.
Wenn ich mich an einem Opfer festbeisse, kann ich es vor Angst nicht mehr
loslassen, das heisst, ich kann nicht mehr abhauen. Voruebergehende Laehmung
von Muskeln, die die Kiefer zusammenpressen, nervlich bedingt.
Und Klawdija Agafonowna ist stolz darauf. Aber selbst das verzeihe ich
ihr.
Warum?
Ich habe schon gesagt, dass wir nachdenken. Na, sagt mir bitte, was ist
sie, diese Klawdija Agafonowna ? So – nichts ! Der Schrank knarrt
in der Nacht und sie nimmt schon Validol. Und wie sie aussieht ! Diese
bloede Brille, und noch dazu wirft sie die Pralinenschachteln nicht weg
sondern haeuft sie auf. Wozu ? Fuer einen Brand etwa ? Und die Glatze
? Sie hat doch eine Glatze ich weiss es eben. Und habt ihr sie mal ohne
Zaehne gesehen ? Ich hab’ gesehen. Schlimmer als die Pikdame, sage
ich euch.
Und ich ?
Ich liebe sie! Ich wuerde fuer sie jedem das Maul zerreissen ! Fuer jedes
ihrer Haerchen.! Pfui, sie hat doch keine Haerchen... Nun, dann Zahn um
Zahn... Pfui, sie hat keine Zaehne... Na und ? Ich liebe sie und damit
basta. Obwohl ein Atomphysiker ihr gutes Geld fuer mich versprach. Uebrigens
haette ich bei diesem Physiker wie eine Made im Speck gelebt.
Und ausserdem hat sie Angst vor dem Tod. Schreckliche Angst!
Und wir Hunde, wir stehen gelassen dem Tod gegenueber. Die Menschen sind
nur in Todesangst einig, und wir kommen ohne diese Angst aus.
Ich kann ruhig sagen, dass heute ein riesengrosser Teil des Hundetums
– jedenfalls sein fuehrender Teil – ueber die gemeinsame Sprache
verfuegt. Die Gemeinsamkeit der Sprache ist in unserem Fall die Gleichheit
des semantischen Systems bei verschiedenen Formen seines Ausdrucks. Natuerlich
haben ein Mops oder ein Huehnerhund verschiedene Formen. Aber wir sind
unserem Wesen nach Internationalisten, uns hindern die Rassenunterschiede
nicht im Geringsten, einander zu verstehen und zu respektieren. Nehmt
einen Dackel aus Kapstadt, einen Hofhund aus Paris, einen Neufundlaender
aus Addis Abeba und einen Jagdhund aus Moskau und bringt sie zusammen.
Und ?
Wr werden ohne jegliche Dolmetscher, ohne „Intourist“, ohne
Paesse und selbst ohne Visa kommunizieren. Gut, es kann sein, dass wir
uns pruegeln. Na und ? Eine gute Pruegelei ist eine der Arten von Kommunikation,
wie ein Gespraech. Unterhaltung wie Eishockey oder dieses Boxen.
Hier muss ich mich an eine Dogge erinnern. Wir haben uns auf dem Lande
kennengelernt. Er hiess genau nach der Rasse: Mastif.
Mastif hat gegenueber gewohnt.
Ein schweigsamer, verschlossener Hund. Ich weiss nicht, ob er ein englischer,
deutscher oder daenischer Hund war. Er aeusserte nie seine Meinung. Er
bellte nie, das nervte mich.
Einmal erinnere ich Mastif daran, dass seine Vorfahren die armen Sklaven
in Suedamerika hetzten und dass er sich schaemen muss. Er macht eine Geste
mit dem Schwanz, eine erniedrigende Geste die heissen soll, dass meine
Vorfahren auch Sklaven verfolgten.
Das war eine Verleumdung.
Wir stammen vom nackten Aegyptischen Hund ab und hetzten nur Baeren. Versuch
mal, einen Baeren zu hetzen. Und die Doggen stammen vom afrikanischen
Schakal ab. Deswegenist , was die schwarzen Sklaven angeht, sein Fach.
Es kam zur Pruegelei.
Hab wieder den ersten Biss verfehlt. Dieses Mastodon ist von riesigem
Wuchs, und ich bin kleinwuechsig, deswegen habe ich ja das Ziel verfehlt...
Eigentlich war der Grund der Pruegelei ein anderer. Mastif fragte mich
immer, warum er Menschen so liebt, warum er so etwas wie Magenverstimmung
hat, wenn sein Herrchen irgendwohin wegfaehrt?
Wie oft erklaerte ich es ihm! Kapierte nicht, bloeder Kerl. Ich paukte
es ihm ein:
„WENN WIR, HUNDE, LIEBE ZU MENSCHEN EMPFINDEN, DANN FUEHLEN WIR,
DASS WIR HUNDE SIND, ECHTE HUNDE. UND WENN WIR UNS MITEINANDER UNTERHALTEN,
DANN LIEBEN WIR KEINEN SO SEHR UND DESWEGEN FUEHLEN WIR NICHT, DASS WIR
HUNDE SIND!“
Da liegt der Hase im Pfeffer! Klawdija Agafonowna liebe ich ohne Habgier,
und Hilda, zum Beispiel, schon mit Habgier – gebrauchen will ich
sie, so eine Huendin !
Und warum liebte ich diesen Mastif?
Weil ich mich mit ihm immer pruegeln konnte, meinen Naturtrieb befriedigen
und Zaehne schaerfen konnte! Ich waere nie auf den Gedanken gekommen,
mich mit Klawdija Agafonowna zu pruegeln. Ich liebe sie, diesen Geizhals,
dann doch nicht wegen des Haferbreis. Uebrigens liegt im sechsten Band
von Dostojewski ihr Sparbuch und auf dem Sparbuch liegen eintausendsiebenhundertsechs
Rubel mit Kopeken – sie koennte mir auch Koteletts kaufen... Und
ich liebe sie, weil ich dabei fuehle, dass ich ein echter HUND bin. Und
DER HUND – das klingt stolz!
Warum konnte Mastif so eine einfache Sache nicht begreifen?
Ausserdem hatten wir eine psychische Unvertraeglichkeit bei gegenseitigem
Beduerfnis nacheinander und selbst nach Freundschaftsgefuehlen. So was
kommt auch bei Menschen vor.
Das alles nahm ein tragisches Ende.
Zuerst gab es eine gewoehnliche Pruegelei. Mastifs Herrchen war ein erfahrener
Offizier, Oberstleutnant der Landetruppen. Er brach ein Brett aus dem
Zaun heraus und schlug damit auf uns ein. Ich oeffnete meine Kiefer und
wir gingen ruhig auseinander, ohne etwas gegeneinander zu haben. Das liegt
daran, dass wenn wir, Boxer oder Bulldoggen, erneut Stress haben, sich
die Kiefer leicht oeffnen. Den ersten Stress hatte ich, als wir aneinander
gerieten. Den zweiten – als das Brett zwischen meine Ohren geriet.
Natuerlich erzaehlt Klawdija Agafonowna auch von dieser Pruegelei fantastische
Geschichten:
der Abschnittsbevollmaechtigte steckte eine Axt in das Maul ihres Kaetzchens
von einer Seite und von der anderen Seite steckte der Oberstleutnant eine
Pistole in mein Maul; und daraufhin kniffe ich nur die Augen zusammen
und schnaufte.
Das ist erstunken und erlogen. Wenn man in dein Maul eine Axt oder eine
Pistole steckt, dann ist der nochmalige Stress noch staerker als der von
einem Brett. Hier macht selbst das letzte atavistische und defektive Huendchen
seine Kiefer auf.
Und was war damals in der Tat so schlimm?
Es kam so, dass Klawdija Agafonowna – kleinliche Frau – den
Oberstleutnanten bei der Abteilung fuer politische Arbeit anzeigte. Neben
ihrem Landhaus wohne ein Berufsoffizier mit einem Baskerville-Mastodon.
Dem Leutnanten sagte man: Sie sind Sovietoffizier und wenn Sie schon einen
Hund haben wollen, dann bitte einen normalen, menschenwuerdigen Hund,
und das mit dem Mastodon – "Kommando zurueck"! Der Leutnant,
natuerlich: “Zu Befehl!“ Er gab Mastif einem weltberuehmten
Pianisten umsonst ab – auch dort, in Repino –, kaufte sich
ein Schosshuendchen und reiste in den Fernen Osten mit den Landetruppen
ab.
Mastif ist vom Pianisten zweimal weggelaufen. Hat den Oberstleutnanten
gesucht. Er nahm es sich schwer zu Herzen. Man fing ihn immer wieder ein,
langsam hat er sich eingewoehnt.
Der Pianist war ein guter Mensch, ein hervorragender Musiker und vor allem
ein arger Saeufer. Er hing an Mastif und Mastif hat ihn mit der Zeit auch
lieb gewonnen.
Eines Tages nahm die Tochter des Pianisten ihrem Vater das Geld weg, damit
er seine Gesundheit schont und nicht zur Flasche greift.
Der Pianist wartete, bis die Tochter in die Philarmonie ging, holte den
Koffer unter dem Sofa hervor und kletterte auf den Dachboden hinauf. Dort
hatte er leere Flaschen fuer hundert Rubel. Aber Mastif hatte schon eine
negative Einstellung zu allen Koffern.
Alle Doggen sind , ehrlich gesagt, einfaeltig.
Und Mastif wurde unruhig, als sein Herrchen mit dem Koffer den bekannten
Taxifahrer Vassja kommen liess. Verstehen, dass der Pianist nur die Flaschen
zurueckgeben faehrt, konnte er nicht.
"Na, dann heule doch auf, greife dem Herrchen in die Hose, mache
eine Szene, wie Klawdija Agafonowna das immer im richtigen Moment macht"!
Aber nein! Er taeuschte Gleichgueltigkeit vor. Wahrscheinlich war Mastif
doch eine englische Dogge. Er hat gedacht, dass auch das neue Herrchen
ihn fuer immer verlaesst.
Als der Pianist mit einem halben Liter zurueckkam, lag Mastif an der Pforte.
Die hinteren Pfoten waren paralysiert. Laehmung.
Ich weiss nicht, ob man ihn vergiftete oder erschoss. Begraben wurde er
an der entlegenen Einzaeunung des Grundstuecks. Und wenn ich mit Klawdija
Agafonowna aufs Land komme, besuche ich Mastif immer, obwohl es dort nach
Kalk stinkt.
Ja, wovon habe ich eigentlich gesprochen?
Von der demuetigenden Geschichte, die am Sonntagmorgen passierte.
Ich durchwanderte freudig den Hof, folgte den Geruechen und erinnerte
mich an einiges aus der Vergangenheit. Und da kommt ploetzlich Barsik.
"Na, was drehst du dich hier wie ein Elektron auf der Umlaufbahn"
? "Deine Hilda wurde gestern zu Pirat zum Decken gebracht. Uebrigens
hat der noch mehr Medaillen als du."
Das Fruehlingslicht erlosch in meinen Augen.
"Sie hat es nicht nur mit Pirat gemacht", - sagte Barsik. Und
sprang vom Holzstoss herunter.
Das Blut stieg mir zu den Augen.
Die Lippen zuckten.
Ich fühlte den Wind um die Zaehne wehen, er trocknet den Geifer.
"Lass das medaillierte Vieh, gehen wir auf die Strasse", -
schlug Barsik muerrisch vor.
Ich knurrte und schlug mit den hinteren Pfoten auf den Boden. Ich habe
tatsaechlich vier Preistraegermedaillen. Katzen bekommen solche Medaillen
nicht. Davon kommt Neid und Missgunst.
Barsik rannte durch den Torbogen.
Wegen zu hoher Aufregung hatte ich schon keine Moeglichkeit mehr, die
Alternativen meines Verhaltens zu analysieren. Ich jagte Barsik nach.
Er rannte durch den Torbogen auf die Strasse – zur Gruenanlage neben
der Kirche. Er raste wie besessen, als waere er in Baldrian gebadet. Aber
ich sah die hellen Ballen seiner schwarzen Negerpfoten schon ganz nah
vor mir. Spritzer flogen mir um die Schnauze.
Und – bauz ! Er rannte zwischen den Staeben der Einzaeunung durch,
und ich blieb darin mit meiner breiten Brust stecken.
Mir war bitter zumute. Und es ist besonders bitter, wenn ich bedenke,
dass ich direkt unter dem Schild
„DAS BETRETEN DER ANLAGE MIT HUNDEN IST STRENG VERBOTEN“
steckenblieb.
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„Aus dem Tagebuch eines Boxers“ V. Konezkij
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